Frage 5

Im Mai 1912 haben Sie eine Ausbildung als Industriechemiker begonnen, zu welcher uns keine Zertifikate vorliegen. Warum haben sie nie einen Abschluss erworben?

Es trifft zu, dass ich nie eine Ausbildung beendet habe. Und ich muss wohl einräumen, dass nicht nur zahlreiche Einflüsse der neueren Geschichte, sondern auch ich selbst immer wieder ein würdiges Ende in dieser Sache hinausgezögert habe. Nicht nur, dass die Ausbildung selbst mich langfristig zu fesseln vermochte, auch lernte ich Menschen kennen, die zurückzulassen mir an der Schwelle zur Berufswelt unmöglich erschien.

Aber um vom Anfang zu erzählen: Seit der Unterprima war es meinem Vater eigen, in passenden und unpassenden Momenten Vorträge über meine berufliche Zukunft zu halten. Seine Ansichten, meinen Nutzen für das Unternehmen betreffend, wechselten über Monate hin und her und es war unvorhersehbar, mit welcher Idee er als Nächstes aufwarten würde. Bis eines Abends im Herbst 1911 eine Entscheidung bekannt gegeben wurde. Es war bereits dunkel und wir saßen im Speisezimmer zum Abendbrot beisammen.

Mein Vater zirkelte in bester Laune mit seiner Gabel durch die Luft, während er mich über meine Zukunft in Kenntnis setzte, damit ich die Chance erhielt, sie freudig zu erwarten. Dass er eine Entscheidung getroffen hatte, muss als regelrechte Erlösung verstanden werden. Hatte er das grundlegende Dilemma doch bereits seit Jahren absehen können: Es war offensichtlich, dass ich als künftiger Firmenerbe weder über den erforderlichen Charakter, noch die Motivation zur Führung des Orlovski-Imperiums verfügen konnte. So bereitete ich meinem Vater ein ums andere Mal schlaflose Nächte, in denen er mit seiner Pfeife durch den Garten kreiste wie ein übergroßes, dampfendes Irrlicht und über Möglichkeiten sann, meine Zukunft strategisch klug zu gestalten. Es hatte jedoch einen besonderen Grund, dass er letztendlich auf eben diese Lösung stieß.

Einige Monate zuvor war ihm eine Nachricht zugetragen worden, die durchaus als alarmierend zu bezeichnen war. Nach Aussage eines bezahlten Informanten begann man sich innerhalb der Deutschen Heeresführung zaghaft für die, in diesen Jahren neu aufkommende Acetylen-Sauerstoff-Schweißtechnik zu interessieren. Neutral betrachtet wäre dies sicherlich keine schlechte Entscheidung gewesen, da diese Art der Fertigung schneller, einfacher und damit auch günstiger in bereits vorhandene Produktionsprozesse einzubinden gewesen wäre. Nur brachten sie den entscheidenden Nachteil mit sich, keine Nieten und Bolzen mehr zu benötigen. Und die Lieferung eben dieser Teile bildete einen nicht zu unterschätzenden Teil des Orlovskischen Jahresgeschäfts.

Wochenlang setzte Oskar alle Hebel in Bewegung, um die marktführenden Gaslieferanten zu diskreditieren, die für ihn mit einem Schlag zum Erzfeind avanciert waren. Ein tragischer Unfall auf dem Gelände der Münchner Linde-Werke, dem acht Mitarbeiter zum Opfer fielen, brachte ihm schlussendlich das entscheidende Argument. Der Kaiser persönlich intervenierte. Erneut hatten zweifelhaftes Glück und Seilschaften unsere Familie vor einem finanziellen Absturz bewahrt.

Im Nachklang dieser Rettungsmaßnahmen war in Oskar jene seine Entscheidung gereift. Ein zweites Standbein erschien ihm nun auf lange Sicht unumgänglich. Warum also nicht den eigenen Sohn in dieser neuen und aufregenden Arbeitswelt des Industriechemikers installieren? Wenn schon nicht als Unternehmer zu gebrauchen, konnte ich in seinen Augen immerhin einen passablen Laboranten abgeben.

All dies wurde mir im Zuge jenes reichhaltigen Gulaschmahls mitgeteilt. Wir konnten in diesen Wochen einen neuen Koch bei uns willkommen heißen. Sein Name war Heinrich, er kam aus Berlin und sein Willkommensgeschenk war ein anstandslos zubereitetes, zartes Gulasch Potsdamer Art. Während ich also immer neue Details meiner zukünftigen Ausbildung erfuhr, trug Heinrich das Essen auf, räumte wieder ab und brachte den Nachtisch in Form eines alkoholhaltigen Wackelpeters – ebenfalls Berliner Art –, der mich ein wenig benommen werden ließ. Unter dem Eindruck dieser berauschenden Süßspeise, fügte ich mich anstandslos in die mir unterbreiteten Pläne.

Auch mir war bewusst, dass ich niemals über jene autoritäre Aggressivität meines Vaters verfügen würde, mit welcher er Arbeiter, Geschäftspartner und Behörden gleichzeitig in Schach zu halten im Stande war, um die Interessen unseres Unternehmens unter allen Umständen durchzusetzen. Zu keinem Zeitpunkt wäre ich überdies ein guter Schraubenverkäufer geworden. Es war offenkundig, dass ich in jeder Facette meines Wesens mit dem Wunsch nach Rückzug erfüllt war. Und so begann ich recht schnell, eine Zukunft im Labor als Chance zu verstehen, ein Leben in Ruhe und Frieden führen zu dürfen, während andere sich dem täglichen Kampf ums Überleben stellen mussten. Welch einem Irrtum ich hier aufgesessen war!

Zuletzt offenbarte mein Vater uns, dass er bereits einen Ausbildungsplatz für mich arrangiert hatte, in den Hessischen Acetylen Werken – kurz HAW – bei Offenbach. Bereits im Mai des folgenden Jahres sollte das Abenteuer beginnen.

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