Frage 35

Wie genau führten sie Ihr Wiedersehen fort? Schildern Sie ihre weitere Unterhaltung und auch die Reaktionen ihres Gegenübers auf ihre eigenen Berichte.

Unsere gegenseitigen Berichte über die vergangenen Monate nahmen den ganzen Vormittag und einen Teil des Nachmittags ein. Nachdem wir die Überraschung unseres unverhofften Wiedersehens bei einem gemeinsamen, deftigen Mittagessen verdaut hatten, beschlossen wir unser Gespräch bei einem Bier fortzusetzen. Nahe des Stralsunder Hafens befand sich eine bekannte Eckkneipe, in der man zu jeder Zeit ein gutes Bier bekommen konnte. Bald standen wir am Tresen und sahen uns immer wieder ungläubig in die Augen. Zu dieser Zeit war es leer in der Schänke. Nur ein alter Seemann saß in der Ecke auf seinem Platz, auf dem er, wie es schien, seinen Lebensabend zu verbringen gedachte und zog an einer exotisch anmutenden Pfeife.

Nachdem wir einige Anekdoten über die gemeinsame Zeit in Wahn ausgetauscht hatten, auf die gute Zeit angestoßen und über so manche Geschichte von damals gelacht hatten, zog ich Ernst ganz nah an mich heran. Damit uns niemand hören konnte und wir auch sonst möglichst wenig Aufsehen erregten, fuhr ich mit gedämpfter Stimme fort, als ich begann, ihm von unseren Forschungen mit dem neu entdeckten Helitamin zu erzählen.

Es blieb bisher unerwähnt, dass wir seit einigen Tagen dazu übergegangen waren, das Gasgemisch auch an uns selbst zu testen. Aufgrund der durchgehend stabilen Versuchsabläufe, die uns mit den Kaninchen gelangen, war offenkundig geworden, dass die Einnahme des Mittels zu kontrollieren war. Unsere Erfolge setzen sich auch hier fort: Vorsichtig auf unser Gewicht angepasste Dosen Helitamin hatten uns seit einigen Wochen immer wieder im Laborraum des Club Royal abheben lassen.

Nach anfänglicher – durchaus verständlicher – Scheu und Ungläubigkeit zeigte sich Ernst ebenfalls sichtlich begeistert von unserer Erfolgen. In Wahn war er nicht in Walters und meine Arbeit eingeweiht worden und so war die Überraschung über unseren revolutionären Fund unter all den chemischen Verbindungen der Welt umso größer.

Alsbald setze ich Ernst ins Bild unserer Forschungen: Wir experimentierten mit verschiedenen Gefäßen, die das Gas transportfähig machen sollten. Von kleinen Ballons bis zu Metallgefäßen nach dem Vorbild großer Gasflaschen war die Zahl unserer Testobjekte noch recht groß. Ernst lauschte, selbst die Erfahrung der Leichtigkeit am eigenen Leib erfahrend, meinen Ausführungen vergangener Versuche, bei denen wir waghalsig wie zwei Testpiloten in stürmischer Nacht, langsam das Gas inhaliert hatten, bis sich unsere Sohlen langsam vom Boden lösten und der ganze, eigene Körper mit allen Gliedmaßen und Organen, Kilo um Kilo die Schwerkraft abstreifte und schwebte!

Eine leichte Übelkeit, wie sie Ernst ergriff, war auch Walter und mir nicht unbekannt. Muss der Mensch doch seinen Körper, den er über Jahrzehnte genau zu kennen geglaubt hatte, einen ganz neuen Zustand hinzufügen, als gäbe es nach dem Erlernen des zweibeinigen Gangs eine weitere Stufe der Fortbewegung. Diese nun erklomm Ernst als Dritter unseres Bundes und trat damit unserer ganz eigenen und neuen Spezies bei, die dem Homo Erectus nachfolgen sollte.

Walter und ich hingegen waren bereits an ganz anderer Stelle mit unseren Plänen. Nicht nur, dass mit dem großflächigen Einsatz von Helitamin der Mensch sich Transportmitteln wie Flugzeugen oder Eisenbahnen entledigen könnte. Mit einer kleinen Dosis und einem Propeller auf dem Rücken könnte er sich bequem und schnell in jede Himmelsrichtung bewegen, vielleicht über den Wolken, so dass selbst ungünstige Wetterlagen keine Rolle mehr zu spielen hatten. Ganz grundsätzlich ließe sich der Alltag in anderen Dimensionen denken, wenn der Mensch nicht mehr an die Horizontale der Erdoberfläche gebunden wäre. Wir fabulierten von kilometerhohen Häusern, aus denen die Menschen wie aus einem Bienenstock direkt zur Arbeit fliegen konnten. Mit Parkdecks für Automobile, die ebenfalls auf fliegenden Betrieb eingestellt waren.

Ernst wiederum erdachte fliegende Panzer und Bataillone von Soldaten mit Propellern unter den Füßen, die sie wendig werden ließen wie Insekten. Bajonette wurden zu Giftstacheln, ein fliegendes Volk von Kriegern, die jederzeit in kleinen Gruppen aus den Wolken auf ihre Feinde herabzustoßen befähigt wären.

Als gerechter Herrscher würde der Deutsche aus dem Himmel heraus den europäischen Kontinent verwalten und nach und nach, Schritt für Schritt, die verschiedenen Nachbarvölker bei ihrer Entwicklung und Veredelung zum fliegenden Menschen anleiten und begleiten. Wir hatten große Ideen. Helitamin eröffnete ein ganz neues Reich, das keine Grenzen mehr hatte, keine Kriege mehr kannte, sondern nur noch ein großes Deutschland auf seinem selbstgeschaffenen Olymp. Die Menschheit würde sich nach einer neuen, vertikalen Hierarchie ordnen, an deren Spitze wir stehen würden – Wir, die Gründer der neuen Ordnung, die Helitamiten!

Am Ende stießen wir mit zwei Stralsunder Goldwasser an. Ich hatte Kienzles süßliches Getränk auf irritierende Weise zu schätzen gelernt. Ernst weigerte sich, zum zweiten Mal an diesem Tag etwas zu kosten, das seinem Instinkt und seinem gesunden Menschenverstand widerspräche. Nach einigem Drängen konnte ich ihn jedoch auch dieses Mal überzeugen, den Schritt zu wagen und zumindest konnte Ernst nichts Schlechtes sagen über das goldene, dickflüssige Getränk, auch wenn er selbst wohl eine andere Wahl getroffen hätte, um den Tag ausklingen zu lassen. Vielleicht hätte er ja einen Korn präferiert.

Dann jedoch war Eile geboten, denn Ernst musste die letzte Fähre auf die Insel erreichen. Selbstverständlich brachte ich ihn noch zum nahegelegenen Anleger. Während wir auf die Fähre warteten, erzählte ich Ernst von unserem in naher Zukunft geplanten Treffen, welches Klarheit über die weitere Ausrichtung unserer Tätigkeiten Helitamin betreffend erbringen und naheliegende Schritte zu unseren Zielen festlegen sollte. Bisher waren es die bekannten Drei, die an solcher Art Absprachen beteiligt waren: Walter, Kienzle und meine Wenigkeit. Nun bot ich Ernst an, ganz ohne die Meinung der Anderen abzuwarten, der Vierte in dieser Runde zu werden. Kienzle hatte seit Wochen auf diese Treffen gedrängt, weniger zu planerischen Zwecken, sondern vielmehr, da ihm offensichtlich der Gedanke gefiel, einen Salon zu gründen, der sich mit solcherart fortschrittlichen Überlegungen zu beschäftigen pflegte. Ganz nebenbei konnte er seine umfassende Sicht auf die Welt immer wieder breit aufführen, um ganz eigene Schlussfolgerungen für Menschheit und Gesellschaft zu präsentieren. Ernst – sichtlich gerührt von meinem Angebot – versprach, in jedem Fall zu unserem Treffen zu erscheinen und seinen Beitrag zum Gelingen unserer chemischen Revolution zu leisten.

Ich erinnere mich noch einige Minuten am Kai gestanden und der Fähre hinterher geblickt zu haben, wie sie sich mit leichter Neigung aus dem Hafen hinaus in Richtung des gegenüberliegenden Ufers schob. In diesem Moment ergriff mich ein unbestimmtes Gefühl, die Gruppe für unser Unternehmen hätte sich nun gefunden. Mit Ernst könnte es etwas werden. Wir würden mit Helitamin die Welt aus den Angeln heben.

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