Frage 29

Die nach Ihrer Aussage geplante Gründung einer Werft scheiterte kurz darauf. Ab wann war Ihnen persönlich klar, dass sie Ihren Auftrag nicht ausführen würden und warum?

Zuerst wäre zu erwähnen, dass wir nicht lange auf eine Antwort aus Offenbach zu warten hatten. Bereits wenige Tage nach unserer Ankunft und den damit verbundenen, bereits geschilderten Enttäuschungen erhielten wir einen jener seidenfeinen Büttenpapierumschläge, in denen die HAW ihren Schriftverkehr zu tätigen pflegte. Darin zu lesen war eine kurze, ambivalent zu nennende Erklärung: Der geschilderte Zustand unserer Bleibe wäre nicht bekannt gewesen, man hätte sich auf die Aussagen und Dienste eines Bekannten des stellvertretenden Direktors verlassen, der vor einigen Jahren einmal da gewesen sein wollte. Eine Ruine, wie Dr. Strohbrück sie beschrieb, hätte man selbstredend nicht erwartet. Allerdings müsse man auch darauf hinweisen, dass von allen Beteiligten eine grundlegende Opferbereitschaft für diese Unternehmung zu erwarten wäre. Aus diesem Grund hätte man gerade uns beide ausgewählt, da man vom kompromisslosen Eroberergeist dieser beiden unserer Erscheinungen in hohem Maße beeindruckt gewesen sei. Zwar mochten wir uns den erwähnten Eroberergeist gegenseitig nicht recht zuerkennen. Trotzdem richtete dieses Lob von höchster Stelle unser lädiertes Selbstvertrauen ein wenig auf. An der Innenseite unserer Zimmertür hing – wohl zur Dekoration – ein Plakat der Stralsunder Wallensteintage 1912 an drei kleinen Nägeln. Walter hatte das Antwortschreiben an einem dieser Nägel befestigt und dort hing der Brief auch, solange wir in der Herberge verblieben.

Bereits vor Tagen hatte es aufgehört zu regnen. Jenes apokalyptische Stralsund, durch welches wir unseren Weg in der ersten Nacht hatten finden müssen, war seither nicht wieder in Erscheinung getreten. Vielmehr präsentierte sich uns eine alte schöne rotklinkerne Stadt am Meer, welche das Versprechen aufstrebender Industrie mit einer stolzen Vergangenheit norddeutscher Hanse zu verbinden suchte. Tiefer Nebel hing von Tag zu Tag über der Stadt, welcher uns jedoch zu keiner Zeit unseren Mut zu nehmen im Stande war, sondern vielmehr dem Wunsch entsprach, sich dem Blick unseres fernen Auftraggebers so lang und gründlich wie möglich zu entziehen. So verlebten wir einige Tage erholsamer Zurückgezogenheit am Stralsunder Hafen und sahen die Schiffe ein- und ausfahren – einige Tage stillen Glückes, die so spiegelglatt dahinglitten, wie es nur ein Lichtstrahl auf der windstillen Ostsee vermag.

Solcherart geerdet machten wir uns an die Erfüllung unseres Auftrags. Ein Termin zur Besichtigung des angedachten Geländes zur Errichtung der HAW Werkstätte wurde bereits in diesen ersten Tagen ermöglicht und so machten wir uns zu Fuß auf den Weg jene Parzelle Land zu begutachten, an die man gedachte stolze deutsche Stahlschiffe zu schleppen, um sie in Einzelteile zu zerschneiden und wie ein filetiertes Rind nach Großbritannien zu verschiffen. Im zu dieser Jahreszeit üblichen Schlamm des küstennahen Weges benötigten wir wohl etwa eine Stunde hin zu jener kleinen Bucht, welche, durchaus mit dem rauen Charme norddeutscher Landschaft bedacht, uns einen freien Blick auf das gegenüberliegende Ufer Rügens ermöglichte.

So standen wir auf einer kleinen Düne und sahen zwischen uns und der Insel eine Gruppe Möwen sich versammeln. Es war Walter der, trotz seiner Sehbehinderung, folgende schicksalshafte Beobachtung machte: Die Möwen vor uns schwammen nicht etwa auf der Wasseroberfläche – sie standen mit ihren kurzen Beinen im offensichtlich sehr flachen Wasser und wateten durcheinander auf der Suche nach Würmern und kleinen Krebsen – ohne jemals den Grund unter den dürren Beinen zu verlieren. Uns leuchtete augenblicklich ein: Kein Schiff würde hier jemals anlanden, so man es nicht einen guten Kilometer durch den Schlick ziehen oder unter größten Mühen eine Fahrrinne eigens zu diesem Zweck ausgraben lassen würde. Der Plan, welcher uns für Monate von unseren alltäglichen Verpflichtungen wegzutragen versprochen hatte, drohte bereits nach wenigen Tagen zu scheitern.

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