Frage 39

Am 7.11.1921 endete ihr Leben recht abrupt. Zeitgleich tagten Ihre Kumpanen, sie waren dem Treffen jedoch fern geblieben. Warum?

Es entspricht der Wahrheit, dass ich mich an diesem Tag sehr früh unserem Treffen entzogen hatte. Seit einiger Zeit war es bitterkalt und ich war bemüht, vor Einbruch des Winters einige Dinge in unserer Werkstatt zu richten. So war die Ordnung zweier Abstellflächen vorzunehmen, welche über die nächsten Monate nicht zu heizen waren und die deshalb nun vor der sich ankündigenden Kälteperiode einer gründlichen Überarbeitung bedurften. In der Werkstatt selbst war es warm und trotz der exponierten Lage des gesamten Club-Anwesens konnte man selbst die provisorischen Werkstatträume durchaus als gemütlich bezeichnen.

Meine Anwesenheit während unserer Sitzung empfand ich als obsolet, konnte ich doch wie ich mich bereits anzudeuten bemüht habe, wenig Positives in den Zusammenkünften sehen und auch meine eigene Rolle in dieser ewig sich wiederholenden Diskussion nicht recht finden. Der Ton untereinander war außerordentlich aggressiv und ich war ganz und gar abgestoßen von der Art und Weise, mit der sich meine Freunde und vermeintlichen Verbündeten gegenseitig über den Mund zu fahren pflegten. So war ich glücklich um jede Ausrede. Vor einigen Wochen war es uns gelungen einen großen Kompressor anzuschaffen, der beim Abfüllen des Gases in Gefäße sich dienlich machen sollte. Nach einigen technischen Änderungen meinerseits wäre er sogar in der Lage versetzt gewesen, das Gas in seine flüssige Form zu komprimieren, was Helitamin in unserer Vorstellung zu einem Getränk hätte machen können! Freymuth war selbstredend ganz beglückt über diese neuen Möglichkeiten und hatte sogleich eine weitere Finanzierung veranlasst.

Dass es überhaupt möglich geworden war, dieses Gerät zu erwerben, kommt einem Wunder gleich. Denn die so genannten leichten Deutschen waren zerstritten wie nie. Hildi, Newt und Ernst waren zu der Erkenntnis gelangt, dass die Bevölkerung durch einen progressiven, impulsiven und aggressiven Akt an die Nutzung von Helitamin als neues Mittel zur gesellschaftlichen Auslese herangeführt werden musste. Ihnen schwebte eine Einspeisung des Gases in die Berliner U-Bahn vor, um möglichst viele Menschen mit dem neuen Stoff zu ◊infizieren“, wie sie sich ausdrückten. Nun drängten sie die restlichen Gruppenmitglieder ihre Zustimmung zu diesem ihrem Plan zu geben. In der angespannten Situation einer bevorstehenden Entscheidung trug ich schwer an der Sorge, die Drei würden irgendwann die Geduld mit uns Zauderern verlieren und einfach zur Tat schreiten. Stetig waren Walter und ich bemüht, sie im Gespräch zu halten und ihren Frust zu dämpfen, um keine vorschnellen Aktionen zu provozieren.

Auf der anderen Seite war sich Kienzle dieses Balanceaktes nicht bewusst. Er war, wie Sie sich denken können, entgegengesetzter Meinung und beharrte auf einer finanziellen Ausschöpfung des Mittels, das sich eben gerade nicht durch partisanenhafte Aktionen, sondern durch eine solide Vermarktung im Bereich der Luxus- und Konsumgüter erreichen ließe. Sein nicht unerhebliches Argument waren seine finanziellen Zuwendungen, von denen wir nach wie vor abhängig waren und um derer Willen wir auch bemüht waren, Kienzle immer wieder mit dem Gefühl auszustatten, seine Vorstellungen befänden sich auf einem stetigen Pfad der Umsetzung.

Walter und ich hatten zu diesem Zeitpunkt bereits jegliche eigenen Ziele und Wünsche fahren lassen, die uns ursprünglich Ansporn waren die ganze Unternehmung überhaupt aus der Taufe zu heben. Nun sahen wir uns ernüchtert in einem Haufen zerstrittener Vögel, die einander versuchten die Augen auszupicken. Walter schmierte weiter seine kleinen Ideen in jene sinn- und zwecklosen Protokolle, die er nach wie vor von unseren Treffen anfertigte. Vormals große Visionen in wenigen zarten Strichen. Seitenweise fliegende Maschinen, Menschen mit kleinen Turbinen an den Füßen und Antennen auf dem Kopf. Paläste zwischen Wolken, die über dem Bayrischen Wald hingen, unter ihnen deutsche Tannen und ein Hirsch, still und majestätisch an einem See. Banderolen für Flaschen mit Mittelchen gegen Rheuma, Gelenkschmerzen und Niedergeschlagenheit. Eine Zigarre für die Frau von heute. Helitaminbars aus Nussholz. Plakatwerbung mit zwei Knaben in Uniform.

Statt mich der Abstellflächen zu widmen, schraubte ich mit großer Begeisterung an unserem neuen Kompressor herum. Dabei muss wohl ein Schlag mit dem Hammer schlecht positioniert auf die falsche Stelle des Ventils getroffen sein, denn mit einem lauten, betäubenden Knall spürte ich wie es mich mit dem gesamten Gebäude anhob und in den nächtlichen Himmel hinaustrug. Die Maschine, nunmehr zum Raum geworden der mich umgab zu meiner Welt die mit mir hinaus drängte und nicht aufzuhalten war von Mauern. Alles wirbelte an mir vorbei und entschwand brennend in den nächtlichen Himmel bis man es nicht mehr von den Sternen rundherum zu unterscheiden vermochte.

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