Frage 31

Anschließend begannen Sie sich in Widersprüche zu verwickeln. Bitte bewerten Sie Ihr gemeinsames Vorgehen und insbesondere Ihre Kontaktaufnahme zu Freymuth Kienzle.

Bei genauer Betrachtung war unser Lügengebäude lange nicht so verworren, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Im Grunde verhielten wir uns beinahe so, wie es eine positive Begutachtung des erwähnten Grundstückes erforderlich gemacht hätte. Dem Werk sandten wir einen durch und durch positiven Rapport unserer Aktivitäten, wobei die überaus geeignete Lage, die hilfsbereiten Einheimischen und das gute Klima besondere Erwähnung fand. Überhaupt schmückten wir den Bericht derart mit überflüssigen Details und Anekdoten aus, dass ich mich beim Korrigieren des Schreibens leisen Zweifeln nicht erwehren konnte – unbegründet jedoch, wie sich bald herausstellen sollte, denn Nachfragen hatten wir keine zu beantworten. Unseren eigenen Ausführungen Folge leistend, kontaktierten wir das örtliche Geldinstitut – eine Filiale der Deutschen Reichsbank unter Leitung des von Ihnen bereits erwähnten Bankdirektors Freymuth Kienzle – um eine Finanzierung unseres nunmehr fiktiven Bauvorhabens zu besprechen.

Das auf diesem Wege erschlichene Geld sollte, gemäß unserem wenig durchdachten Plan unseren weiteren Lebensunterhalt sichern und die weiteren Forschungen ermöglichen. Man könnte sagen, wir taten alles dafür, eine Katastrophe zu produzieren.

Am Tag des Kreditgesprächs saßen wir dann an Kienzles Schreibtisch inmitten seiner Stralsunder Reichsbankfiliale – in neuen Anzügen und nervös mit den Knien zuckend. Ich erinnere Freymuth Kienzle einem Walross gleich hinter seinem Tisch sitzend, wie auf einem Felsen, schnaufend und seine Barthaare mit der Rückhand immer wieder glattstreichend. Eine Schweißperle rollte ihm von der Stirn hinab bis zur Oberlippe und tropfte von seinem voluminösen Schnauzer auf die vor ihm liegenden Unterlagen. Lange blickte er abwechselnd auf die unterschiedlichen Papiere, welche Walter und ich in längerer Vorbereitung des Treffens allesamt zusammengestellt und zum größten Teil frei erfunden hatten. Kienzles schwerer Kopf wand sich übermäßig träge bald nach links, bald nach rechts, um Zahlen und Zusammenhänge der verschiedenen Papierbögen miteinander zu vergleichen. Zwischendurch hob er den Kopf und blickte uns beide mit zusammengekniffenen Augen an, ganz so, als wittere er den Betrug, den wir ihm unterjubeln zu können glaubten.

Es war, als suchte er in unseren Gesichtsausdrücken nach einer Fährte, der er zu folgen vermochte. Und als er die Spur aufgenommen hatte, schien es mir, als spannte sich der ganze große Körper zum Sprung über den Tisch. Er richtete sich auf und faltete die dicken, kleinen Finger über unseren Unterlagen. In ruhigem Ton bat er Walter, noch einmal in eigenen, freien Worten zu erklären, wie sich die HAW eine Abwrackwerft direkt am Strand hinter Stralsund vorstellen würde – zumal ihm, der sich selbst in jeder Hinsicht als gut informiert betrachtete, keine Kaufverträge des genannten Grundstücks bekannt wären.

Walter sah sich nicht in der Lage, mehr als einige unverständliche Wörter hervorzubringen, bevor Kienzle ihn mit seinem nächsten, vernichtenden Schlag überzog: Wie er das Problem der fehlenden Fahrwasserrinne zu lösen gedenke. Es sei doch sicherlich bekannt, dass der Bodden vor Stralsund flach sei wie eine Pfütze. Ich war so ungemein beschämt, ganz als säße ich meinem Vater gegenüber, welcher einen, in kindlicher Naivität erdachten, ganz hervorragenden Plan, in einem Augenblick als Träumerei zu verurteilen in der Lage gewesen war, welche, unfähig zu eigenständiger Existenz, keine Gnade von ihm zu erwarten hätte. Meinen Blick und meinen ganzen Körper drückte es zur Seite im Bemühen, sich dieser Situation zu entziehen, ohne durch zu offensichtliche Regungen die vernichtende Aufmerksamkeit Kienzles auf mich zu ziehen.

Dabei fiel mein Blick auf eine Fotografie an der Wand. Darauf, vor zahlreichen Rohren und Gefäßen, stand eine Gruppe Männer, die gemeinsam eine Flasche in die Höhe hielten. Einer von ihnen war als Freymuth Kienzle selbst zu erkennen. Darunter war in goldenen Lettern geschrieben: ◊Stralsunder Goldwasser – ein königlicher Genuss“. Kienzle, meinem Blick folgend, verlor offensichtlich das Interesse an diesem seinem ungleichen Kampf.

Selbstredend war unser Kreditantrag bar jeder Chance auf Bewilligung. Kienzle hatte jedoch auf unergründliche Weise Gefallen an uns beiden gerupften Vögeln, deren wahre Motivation unter all ihrem amateurhaften Gestammel nicht recht zu erkennen war. So lud er uns am Ende dieses beschämenden Gesprächs ein, ihn Tage später im bekannten Stralsunder Club Royal auf einen Drink zu treffen. Mit gemischten Gefühlen – maßlos enttäuscht über den gescheiterten Plan und doch neugierig auf die unverhoffte Einladung in Kienzles exklusiven Club – taumelten wir, ausgelaugt und taub von der andauernden Nervosität, auf die Straße.

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