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In einer Mappe in einer Tasche lagen Zettel, auf denen Reisen durch ein heute untergegangenes, mitteleuropäisches Reich beschrieben waren. Sie gehörten zu einem Mann jener Zeit, dem Nachts etwas sehr Ungewöhnliches widerfuhr:

Sobald die Sonne unterging, überkam ihn die Müdigkeit mit solcher Macht, dass er sich kaum wenige Minuten gegen sie wehren konnte. Wenn er wieder erwachte, befand er sich nicht mehr in dem Stuhl, in dem er zusammengesunken war oder am Rand jenes Platzes, an dem er liegen geblieben war. Er erwachte an einer vollkommen anderen Stelle. Manchmal erkannte er die Umgebung und konnte eine Verbindung herstellen zwischen beiden Orten, dem seines Einschlafens und dem des Erwachens. Häufig war ihm der Ort völlig unbekannt und erst durch Erkundigungen im Laufe des Vormittags wurde ersichtlich, welche Strecke der Mann nachts überwunden haben musste, um sich dort zu befinden wo er nun war. Teilweise waren diese Strecken deutlich länger als das, was er Nachts zu Fuß hätte überwinden können, was nicht nur bedeutete, dass er kaum schlafwandelnd diese Reisen unternahm, sondern auch, dass es ihm unmöglich war, durch eigene Anstrengungen wieder an den Ort zurückzukehren, an dem er zuletzt eingeschlafen war.Denn sobald die Sonne unterging, wurden alle nicht erreichten Reiseziele hinfällig.

In solcher Weise einer zwanghaften Wanderschaft ausgeliefert, verzweifelt und letztlich resignierend in sein Schicksal ergeben, begann er sich Orientierung und Sicherheit zurückzuerobern, indem er jene Distanzen, die er auf unerklärliche Weise zurücklegte, mit Leben füllte. Er erfand die Verläufe seiner nächtlichen Reisen mitsamt den Menschen, die er auf diesen Wegen traf, mit den Tieren die er sah, mit Städten und Landschaften die er durchschritt.

Er beschrieb die Hindernisse, die er überwand und welche Hilfe er dabei erfuhr und wo er seinerseits Unterstützung geben konnte, wo er Bestätigung erhielt und Enttäuschungen zu erleiden hatte.

Diese Reiseberichte ergänzten das Land, von dem er nur tageweise Flecken zu sehen bekam, um jene Zwischenbereiche, die er nie sah oder nie erinnerte. Er sammelte die Berichte in einer Tasche, die er sich um den Hals hängte, denn schon öfter war es ihm passiert, dass er wichtige Utensilien an seinem morgendlichen Lager nicht finden konnte, die er Nachts zuvor noch besessen hatte.

Im Laufe der Zeit begann er daher, neben seinen eigenen Reisen auch die Geschichten und Schicksale jener Objekte aufzuzeichnen, die ihm im Schlaf abhanden gekommen waren: wie er sie verliehen, gespendet oder verkauft hatte, wie sie ihm gestohlen wurden oder er sie aus Achtlosigkeit oder Pech verloren hatte. Er folgte ihnen im Geiste, um zu erfassen, wo sie sich befanden, bei wem und in welchem Zustand, und in welche Ereignisse sie verwickelt wurden. Aus diesen Beschreibungen entwickelte sich ein Katalog von Bewegungen, Verbindungen und Verhältnissen zwischen ihm selbst, Orten, Menschen und Objekten, die um ihn herum metastasierten und ein feines Netz bildeten, das sich über das ganze Land legte.

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Nach 4350 Stunden pausenlosen Lernens hat sich die Lernende, eine Frau aus den Anden Guatemalas, schlafen gelegt. Manche Menschen lernen in kleinen Einheiten. Andere schieben alles vor sich her und lernen lieber so viel wie möglich auf den letzten Drücker. Sie lernt ausschließlich ohne Fristen und äußere Bedingungen, nur für sich, an einem langen Stück.

Stößt Sie auf ein Thema, das ihr Interesse erregt, dann vollzieht sie einen inneren Moduswechsel von unvorhersehbarer Dauer: Sie beginnt zu recherchieren und sich einzulesen. Tage- und Wochenlang folgt sie ununterbrochen Onlinekursen, Wikipedia-Artikeln und Blogeinträgen, in welche sie wie in die Gänge eines unterirdischen Baus vordringt. Das Thema breitet sich vor ihr aus wie die Momentaufnahme eines in Wachs gegossenen Ameisenstaats, der nicht nur in zahllosen räumlichen Verknüpfungen, Abhängigkeiten und Bedingungen zu erforschen ist, sondern dessen im stummen Modell nicht abbildbarer, geschäftiger Prozess der Summe aller am Bau beteiligten Tiere gleicht. Am Ende ihrer Recherche ist sie im Stande, jedes dieser Tiere einzeln seiner Eigenschaften und seiner Aufgabe nach zu benennen und die Entstehung des Baus, sowie seinen weiteren Verlauf nachzuvollziehen und darüber hinaus seine noch nicht gegrabenen Gänge und Hallen zwar nicht selbst zu schaffen, jedoch ihr entstehen zu prophezeien.

An diesem Punkt sieht sie, wie sich das Thema erschöpft, wie sie ermüdet und der Bann gebrochen ist. Nach einem langen Rausch durchgehenden Bewusstseins, in der sie ohne Pause und Ablenkung alle gedanklichen Fäden und Informationen im Kopf zusammengehalten hat, geht sie zu Bett.

Zuvor jedoch macht sie ein Foto von sich. Ein Portrait direkt von vorn, auf dem ihre Augenringe, der matte Blick, fahle Haut und eine sich nervös schiebende Unterlippe auf jenes Konstrukt hinweisen, das sich hinter der Stirn noch befindet und sobald sie sich schlafen legt langsam wieder auflösen wird, ganz so, als ob das Wachsmodell, gleichmäßig erwärmt seine Kontur verliert und unter seinem eigenen Gewicht zerfällt.

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