Frage 10

SCHILDERN SIE IHR VERHÄLTNIS ZU DEN ANDEREN LEHRLINGEN. WELCHE AKTIVITÄTEN HABEN SIE GEMEINSAM ABSOLVIERT?

Ich muss wohl gestehen, dass mir bereits früh die Hoffnung auf ein gesundes Verhältnis zu den gleichaltrigen Knaben verloren ging. Nicht allein das erwähnte Seminar Walter Strohbrücks entzweite uns zusehends, auch in anderen Ausbildungsbereichen fanden wir nicht zusammen. Wo andere nur mit größter Mühe dem Unterricht zu folgen vermochten, verlor ich schnell das Interesse, sobald ich Sinn und Inhalt der Lehreinheit verinnerlicht hatte – und meine Erkenntnisse den Kollegen kundtat. Allein, dieses Verhalten war eine denkbar schlechte Voraussetzung für ein gesundes Miteinander.

Walter und ich hatten bald eine Übereinkunft getroffen. Er erhob mich zu einer besonderen Art von Hilfswissenschaftler, was mein Selbstwertgefühl ungemein anschwellen ließ. Im Gegenzug war ich zur Stelle, sobald sich ein pädagogisches Luftloch in seinem ansonsten sehr windschnittigen Unterrichtsverlauf auftat und ich beantwortete gern Fragen, so ihre Lösung den unterlegenen Kollegen  nicht gegenwärtig war. Weiterhin assistierte ich bei Experimenten und reinigte die Apparaturen vor und nach dem Unterricht. Aus heutiger Perspektive erwies sich diese Aufgabenverteilung als nicht gerade förderlich für das komplizierte Verhältnis zu meinen Altersgenossen.

In meinen wenigen freien Stunden bekam ich bald exklusiven Zugang zum Labor und allen Gerätschaften – was für mich einem Paradies auf Erden gleich kam. Ähnlich den ersten Menschen vergaß ich Zeit und Raum und fühlte mich in einer ganz natürlichen, mir eigenen Umgebung, in diesem kleinen Garten voller Erlenmeyerkolben, Bunsenbrennern und Petrischalen. Das Labor wurde mir ein Panzer, den ich – wann immer es ging – überstreifte, um mich der Welt und ihren Unerbittlichkeiten zu entziehen.

Indes gewann ich mehr und mehr Einblicke in das Innere meines neuen Freundes Walter, der mich mit seiner Art und seinem Wesen zu begeistern vermochte. Wie man sich denken kann, war Walter keinesfalls jener Hefepilz verspeisende Wirrkopf, für den er gemeinhin gehalten wurde. Vielmehr erkannte ich in ihm einen sensiblen Visionär, dem das Wohl der Menschen wie auch der Fortschritt der Wissenschaften gleichermaßen am Herzen lag. Beides war er bemüht in den von ihm formulierten und bis heute gültigen sozio-chemischen Thesen zu vereinen. Er hatte sie einige Jahre zuvor in einem Büchlein zusammengefasst, um sie in leichter Dosierung seinem Unterricht beizumischen – freilich ohne dass ihm jemals eine erwähnenswerte Resonanz zuteil wurde. In dieser kargen Umgebung hatte es wohl einen gelehrigen und talentierten Schüler wie mich gebraucht, um den zarten Samen der Erkenntnis zu pflanzen, auf dass er in den nächsten Jahren zu einer prachtvollen Blüte aufzugehen vermochte. Schon früh war mir klar, dass seine Theorie uns den Boden für weitere, noch zu schildernde Entdeckungen und Revolutionen bereiten sollte und oft spendete mir diese Gewissheit Trost, wenn das Leben mit aller Macht seine Prüfungen auf mich niederfahren ließ.

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