Frage 30

Warum sind Sie in Folge dieser Erkenntnis nicht gemäß der getroffenen Absprachen nach Offenbach zurückgekehrt?

Es bedarf einer großen Portion Offenheit und Ehrlichkeit zu dieser Beichte, aber bereits bei Antritt unserer Reise waren wir beide davon überzeugt, niemals nach Offenbach zurückzukehren. Teils blendeten wir die zeitliche Befristung aus, die unser Auftrag mit sich brachte, teils begann bereits vor unserer Ankunft eine gewisse Ahnung sich auszubreiten, dass auch unter Zuhilfenahme unlauterer Mittel unser Fernbleiben so lang wie möglich aufrecht zu erhalten sein würde. Nun jedoch, nachdem unsere Mission auf solch gnadenlose Weise ihre Grenzen aufgezeigt bekommen hatte, traf uns die Befürchtung unserer baldigen Rückkehr in den ungeliebten Werksalltag umso härter. Einen repräsentativen Überblick über die vorgefundenen Umstände zu entsenden kam zu keinem Zeitpunkt in Frage. Ganz unser beider Natur entsprechend, entledigten wir uns dieses Dilemmas vorerst durch einen gemeinsamen Rückzug auf bekanntes Terrain – und widmeten uns bereits am selben Nachmittag unseren bislang so sträflich vernachlässigten Forschungsergebnissen aus der gemeinsamen Zeit in Wahn.

Einige Wochen konnten wir uns ungestört diesen unseren Fragen widmen, auf welche wir Schritt für Schritt Antworten zu finden im Stande waren und deren sichtbare Erfolge uns bald neuen Mut verliehen: Es schien, als wäre in jener Stunde Null der fliegenden Menschheit, die gleichzeitig eine der letzten Stunden des großen, uns umgebenden Krieges gewesen war, ein Leck in der kleinen Gasmaske unserer Ratten entstanden, durch das sich Helium, Sauerstoff und eine Anreicherung von Amphetaminen zu vermischen die Gelegenheit fanden. Alle drei Mittel wurden jenem Modell per Schlauch zugeführt, auf das unsere Forschungen sich in diesen Tagen gestützt hatte. Offensichtlich ließ die kombinierte Einnahme dieses Gasgemisches jene chemischen Eigenschaften entstehen, welche die Ratten zum Schweben brachten, wie wir bald in neuen Versuchen nachzuvollziehen in der Lage waren.

Wir hatten einen kleinen Teil der benötigten Ausrüstung in unserem – Walters – Gepäck mit uns nehmen können, welches wir nun in unserem Quartier des Strelasunder Hofes auf dem Tisch und über das gesamte Zimmer ausbreiteten. Walter war es gelungen, einen Käfig mit Kaninchen auf dem Wochenmarkt zu erstehen. Für kleines Geld wechselten mehrere der possierlichen Tiere in unseren Besitz. Weit schwieriger war es gewesen, die anderen benötigten chemischen Mittel in Stralsund zu erlangen, wo doch die Stadt selbst über keine nennenswerte Industrie solcher Art verfügte. Es gelang mir jedoch, durch geduldige Nachforschungen einen örtlichen Apotheker ausfindig zu machen, über welchen wir unter anderem eine solche Flasche Helium in unseren Besitz würden bringen können. Genau jene Viertelstunde abpassend, in der sich der alte Apotheker mit seiner Zeitung hinters Haus in die kleine, hölzerne Latrine zurückzog, sein Sohn jedoch noch nicht vor Ort war, um den Laden seiner statt zu führen, wurde ich der illegitime Besitzer einer kleinen Flasche Helium. So war es uns möglich, unsere neuen Haustiere in zahlreichen Versuchsreihen mit verschiedenen Mischverhältnissen und Dosierungen zu konfrontieren, wobei es uns gelang, innerhalb kürzester Zeit ein Gefühl für die richtigen Mengen und Mischungen zu erlangen.

Zahlreiche dieser Versuche konnte ich fotografisch dokumentieren. Bereits in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes im Strelasunder Hof bot sich mir die glückliche Gelegenheit eine Kamera zu erstehen. Sie war Teil des Nachlasses eines unbekannten Gastes gewesen, der während seines Aufenthalts im Hof verstorben war, noch bevor er seine Zimmerrechnung zu begleichen die Möglichkeit gehabt hatte. Daraufhin setzte die Wirtin unter dem gestrengen Blick einiger Stralsunder Schutzmänner eine kleine Auktion an, welche dem Zweck zugedacht war, eben jene entstandenen Unkosten zu decken. Versteigert wurde das Hab und Gut des Verstorbenen. Die anwesenden Bieter waren zumeist andere Bewohner der Pension. Schuhe, Gürtel und Bücher fanden schnell einen neuen Besitzer. Ich war jedoch der Einzige, der sich für die brandneue Fotoapparatur interessierte, die der Gast hinterlassen hatte.

So vergingen unsere Wochen in glückseliger Betriebsamkeit, jedoch in steter Spannung, die eigentlich uns betreffenden, unlösbaren Probleme nicht weiter fernhalten zu können. So kam es dann, dass ein weiterer Brief der HAW uns – bildlich gesprochen – aus unserem selbst gegrabenen Kaninchenbau an den Füßen herauszuziehen drohte, mit den von ihm beinhalteten Fragen nach Stand und Lage unserer Unternehmung vor Ort.

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