Frage 19

UND DOCH BESUCHTE SIE IHR VATER AM 30. APRIL 1918 IN WAHN. WIE HAT DIES IHR BEMÜHEN UM DISTANZ BEEINFLUSST?

In der Tat war ich bereits eine ganze Weile gut gefahren mit meinem Entschluss, die Familie hinter mir zu lassen und mich ganz einem neuen, eigenen und freien Leben im Kreise meiner Kameraden zu widmen. Briefe meiner Eltern erreichten mich in unregelmäßigen Abständen, ich öffnete sie jedoch nicht mehr und entzog mir somit jegliches Vermögen, auf diese mir entgegengebrachte Mitteilungsbereitschaft reagieren zu können. Der Gedanke liegt nahe, dass eben jenes hermetische Verhalten uns die hochnotpeinliche Visite meines Vater ebenso wie Walters darauf folgende, beschämend-unterwürfige Reflexe erst einbrachte. So geriet ich wohl selbst verschuldet in diese missliche Lage, vollkommen unvorbereitet und geradezu übertölpelt dem, mich in der Auffahrt des Geländes erwartenden, Vater gegenübertreten zu müssen.

Als ich seiner gewahr wurde, entstieg er gerade seinem Automobil, eine Hand an der Karosserie, in der anderen eine beglaubigte Zutrittsgenehmigung. Ihm folgend erinnere ich einen ausgemergelten Offizier, den man meinem Herrn Vater offensichtlich als Betreuung zur Seite gestellt hatte. Den ganzen Tag wich er nicht von unserer Seite. Mich erinnerte er an eine verkniffene, dürre Eidechse mit großem Schnurrbart und einer Halsfalte, die sich durch jahrzehntelang getragene Uniformkrägen in die Haut gegraben hatte, wobei er seinen Kopf ruckartig nach links und rechts wand – ganz als wittere er Feinde, von deren Existenz wir anderen noch keine Notiz hatten nehmen können.

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